Der Blaue Engel

von Michael Farin

Nach dem Film von Josef von Sternberg
Drehbuch: Carl Zuckmayer und Karl Vollmoeller
Nach dem Roman Professor Unrath von Heinrich Mann
Komposition: Zeitblom
Regie: Bernhard Jugel
Mit Martin Umbach, Beate Himmelstoß, Nadeshda Brennicke, Jens Harzer, Franziska Ball, Stefan Wilkening u.a.
BR 2008, Länge: 73’34

Der Film Der Blaue Engel (1930) von Josef von Sternberg ist ein Mythos, der Roman Professor Unrath (1905) von Heinrich Mann ein Hauptwerk der deutschen Literatur, das Hörspiel der Versuch, die Strukturen des herausragenden Drehbuchs und Films transparent zu machen, indem es diese aufregende und anrührende Geschichte aus einer vergangenen Zeit Sequenz für Sequenz erzählt: Prof. Dr. Immanuel Rath, bärtiger Gymnasialprofessor in einer kleinen Hafenstadt, erfährt, dass seine Schüler das zwielichtige Lokal „Der Blaue Engel“ frequentieren, angezogen von einer verruchten Sirene namens Lola Lola, Star einer kleinen Kabarett-Truppe. Von moralischer Entrüstung getrieben und nicht ohne sexuelle Neugier wagt sich der Professor in die Lasterhöhle. Statt dort aber dem jugendlichen Treiben ein Ende zu machen, verfällt er dem Zauber und Charme Lola Lolas. Er macht ihr einen Heiratsantrag und muss daraufhin den Schuldienst quittieren. Es ist der Beginn seines sozialen Abstiegs. Während die Truppe von Stadt zu Stadt zieht, verfällt Rath immer mehr. Er wird zum „dummen August“, zum Gehilfen des Zauberkünstlers und verliert jede Selbstachtung. Seine Demütigung erreicht den Höhepunkt, als die Truppe in den „Blauen Engel“ zurückkehrt, um mit dem einstigen Professor ‚Sensation’ zu machen. Das gelingt: die ganze Stadt kommt in die Vorstellung. Doch das einstmals lustige Kikeriki des „dummen August“ wird zum schrecklichen Krähen einer waidwunden Seele.

Der internationale Erfolg des Films war enorm und Marlene Dietrich mit einem Schlag weltberühmt. „Ihre Lola Lola war ein neues Sexsymbol. Diese kleinbürgerliche Berliner Nutte mit ihren provozierenden Beinen und saloppen Manieren legte eine Ungerührtheit an den Tag, die dazu reizte, das Geheimnis ihres abgebrühten Egoismus und ihre Kaltschnäuzigkeit zu ergründen.“ (Siegfried Kracauer) Die Lieder aus diesem frühen, deutsch und englisch zugleich gedrehten Tonfilm gingen um die Welt: „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt, denn das ist meine Welt und sonst gar nichts.“ Die verschleierte Stimme der Dietrich gibt ihrem Sprechgesang eine ungeheure Laszivität. Und ihre Songs erweisen sich gegenüber dem Prof. Rath zugeordneten deutschen Lied „Üb immer Treu und Redlichkeit“ als stärker. Auch er ist der Liebe und Erotik Lolas nicht gewachsen. Zumal er es auch nicht als Warnung nimmt, wenn sie von ihren Liebhabern singt: „Und wenn sie verbrennen, ja dafür kann ich nicht“, sondern als Schmeichelei. Das ist sein Verhängnis. Die Nationalsozialisten konnten dieses Obsiegen einer femme fatale über einen deutschen Lehrer nicht ertragen: Sie verboten den Film 1933.

Michael Farin, geb. 1953, Autor und Verleger. BR-Hörspiele u.a. Das Warheads-Oratorium (1997, mit Romuald Karmakar), Mir geht nichts über mich! Oder: Wie sich Max Stirner die Welt dachte (2006). Zahlreiche BR-Hörspielbearbeitungen, zuletzt Louis-Ferdinand Célines Reise ans Ende der Nacht (2008).