Fenstersturz in Harlem

nach dem gleichnamigen Roman von Chester Himes aus dem amerikanischen Englisch von Manfred Görgens

Musik: Carsten Meyer
Hörspielbearbeitung und Regie: Martin Heindel
Produktion: SWR 2011

Die Leiche lag in voller Länge auf der Unterlage aus weichen, eingepackten Brotlaiben, als ob der Korb nach Maß angefertigt worden wäre. Das Messer stak in der Jacke, knapp unterhalb der Brusttasche. Das Gesicht war im Ausdruck ungläubigen Entsetzens erstarrt.

Mit einem skurrilen Fenstersturz geht es los. Big Joe Pullen ist tot. Und noch ein Mann stürzt aus dem Fenster des dritten Stocks. Aber er bleibt unversehrt: Er ist in einen Korb mit frischem Brot gefallen. Wenige Minuten später liegt ein anderer Mann darin. Ein toter Mann. Ein Mann mit einem Messer in der Brust. Ein Mann, der allgemein beliebt war, der keine Feinde hatte. Nun, zumindest einen Feind muss er gehabt haben. Wer ersticht schon einen allgemein beliebten Mann, wenn er nichts gegen ihn hat? Das tut keiner. Nicht einmal in Harlem. Die schwarzen Detectives Coffin Ed Johnson und Grave Dogger Jones machen sich wie gewohnt kompromisslos auf die Suche nach Motiven, die außerhalb von Harlem kaum denkbar sind. Denn der Schauplatz und heimliche Protagonist von Himes’ Kriminalromanen, die er selbst lieber »Heimatromane« nannte, ist Harlem – wobei Himes in Paris lebte und New York kaum kannte. Die Stories, die zwischen dem Hinterhof-Schrottplatz und dem Sugar-Hill-Hochhaus, zwischen Bar und Billardsaloon, zwischen Kirche und Bordell hin- und herspringen, machten Chester Himes in Europa berühmt. Es dauerte nicht lange, und französische Kritiker priesen die Thriller als »menschliche Komödien aus Harlem« und verglichen sie mit Balzacs Comédie Humaine. »Fenstersturz in Harlem« ist nach »Die Geldmacher von Harlem« (2009) und »Die wahrhaft coolen Killer« (2010) das dritte Kriminalhörspiel, das der SWR nach Himes’ Harlem-Zyklus produziert. Es bildet den Abschluss der Hörspieltrilogie.

Mit: Martin Semmelrogge, Udo Schenk, Engelbert von Nordhausen u. a.

Chester Himes (1909-1984), geboren in Jefferson City/Missouri. 1927 kam er als afroamerikanischer Student an die Ohio State university. 1928 wurde er wegen eines Raubüberfalls zu 20 jahren Gefängnis verurteilt und 1936 vorzeitig entlassen. 1940 zog Himes nach Kalifornien und arbeitete in der Werftindustrie. Seine Erfahrungen mit Rassismus und linken aktivitäten schlugen sich in seinen ersten Romanen nieder. Himes fühlte sich in den USA missverstanden und ging 1953 nach Frankreich. Marcel Duhamel, der die »Série noir« herausgab, überredete Himes 1957 zu seinem Harlem-Zyklus. 1958 gewann »A Rage in Harlem« (»die Geldmacher von Harlem«) als erster Titel eines englischsprachigen Autors den »Grand Prix de la littérature Policière« und Himes wurde in Europa als Kultautor gefeiert. Er starb in Moraira/Spanien.