Föhrenwald

von Michaela Melián

Produktion: BR/kunstraum 2005
Länge: 56'

Die 1937 in den Isarauen gebaute Mustersiedlung Föhrenwald hat eine wechselvolle Geschichte, die sich in der Benennung ihrer Straßen und Plätze abbildet: der Adolf-Hitler-Platz wurde zum Independence Place, dann zum Kolping-Platz. Die Siedlung aber blieb die gleiche.

In den Jahren 1940-45 diente sie als Lager für die Arbeiter der Pulverund Munitionsfabriken in Geretsried, nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Föhrenwald unter amerikanischer Militäraufsicht ein Auffanglager für DPs, displaced persons - heimatlose Ausländer. Bis in die Mitte der 1950er-Jahre lebten dort europäische, meist polnische Juden, Überlebende des Holocaust, die auf eine Ausreise nach Israel oder Amerika hofften. Erst ab 1955 zogen in Föhrenwald erstmals freiwillige Bewohner ein - kinderreiche Familien und Heimatvertriebene, die sich Siedler nannten. Meliáns Kunstprojekt "Föhrenwald", bei dem das Hörspiel den Soundtrack einer begehbaren Installation bildet, begreift den Ort als Ergebnis kultureller, ethnischer, technologischer, ökonomischer und medialer Konstruktionen. Die Stimmen des Hörspiels berichten von verschiedenen Phasen des Lebens in der Siedlung, sie sind Originalaufzeichnungen von ehemaligen Bewohnern entlehnt. Die Musik verwendet als Ausgangsmate- rial Fragmente, oft nur das Rauschen und Kratzen von Schellackplatten, die in den Jahren 1931-35 von Schallplattenfirmen verlegt wurden, die mit dem Jüdischen Kulturbund assoziiert waren.

Für ihr Hörspiel, mit dem sie laut der Jury "das Genre um einen akustischen Ausdruck für erinnerndes Bewusstsein bereichert", erhielt Michaela Melián 2006 den Hörspielpreis der Kriegsblinden.

Michaela Melián, geboren 1956, lebt in München und Hamburg als Künstlerin und Musikerin (u. a. in der Band F.S.K.). Ihre folgenden Hörspiele "Speicher" (BR 2008) und "Memory Loops" (BR 2010) wurden jeweils Hörspiel des Jahres.