Der goldene Drache

von Roland Schimmelpfennig

Regie: Iris Drögekamp
Produktion: SWR 2012
Länge: 75'

Im Mittelpunkt steht das China-Vietnam-Thai-Schnellrestaurant »Der goldene Drache«. Es könnte in Berlin sein, in München, in Stuttgart, vielleicht sogar BadenBaden. Hier wird in der winzigen Küche zwischen zischenden Gaskochern einem jungen Chinesen ohne Aufenthaltsgenehmigung ein furchtbar schmerzender Schneidezahn mit einer Rohrzange gezogen. Und dieser Zahn gelangt auf dem Weg der Thai-Suppe, in der er aus Versehen landete, in den Mund einer Stewardess, Stammkundin im Schnellrestaurant, welches die Anwohner der Umgebung mit seinen asiatischen Schnellgerichten auch als Take-Away zu versorgen weiß. Und dann erzählt jemand von der hungrigen Grille, die im Winter zum Opfer der geschäftstüchtigen Ameise wird. Die den ganzen dunklen Winter von den anderen Ameisen missbraucht wird, ohne zu merken, dass längst Frühling ist. Und schmerzhaft vertraut erscheint das Schicksal der kleinen Asiatin, die beim Verlassen ihres dunklen Zimmerchens dem betrunkenen Kumpel des Lebensmittelhändlers in die Arme läuft. Der doch nur mal ein bisschen von ihrer Fremdheit kosten wollte. Leider etwas unachtsam. So was Zartes geht halt schnell kaputt. Und als der junge Chinese nach der Rohrzangenoperation verblutet, wickelt man ihn in einen großen Drachenteppich und wirft ihn in den Fluss. Von dort schwimmt er endlich wieder nach Hause, nach China, leider tot und leider ohne die Schwester, die zu finden das erklärte Ziel seiner Reise war.

Die Verhältnisse im und um den Goldenen Drachen werden mal dialogisch, mal als innerer Monolog, mal in Prosa erzählt - und aus verschiedenen Perspektiven -, denn die Männer sprechen den Part der Frauen, die Frauen den der Männer, die Jungen die Alten und die Alten die Jungen. Und die Menschen die Tiere. Nur die Tiere können nicht reden. Das Ergebnis ist ein träumerisches Spiel voller Poesie, die brutal, rätselhaft und berührend ist.

Roland schimmelpfennig, geboren 1967 in Göttingen, lebt in Berlin. Er studierte Regie an der Otto-Falkenberg-Schule in München. Nach einer Zeit als Dramaturg an der Berliner Schaubühne bis 2001 wandte sich Schimmelpfennig ganz dem Schreiben und Inszenieren der eigenen Stücke zu. Er gilt, auch international, als derzeit führender deutschsprachiger Dramatiker. »Der goldene Drache« wurde 2010 mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet sowie zum besten Stück des Jahres bei der Kritikerumfrage des Jahrbuchs von »Theater heute« gewählt. Neben seinen Bühnenwerken schreibt Schimmelpfennig auch Originalhörspiele, z.B. »Krieg der Wellen - Club Night Special live mit Wigald Boning« (2000).