Der Mann ohne Eigenschaften. Remix

von Robert Musil

Konzept: Katarina Agathos/Herbert Kapfer
Manuskript: Katarina Agathos/Klaus Buhlert/Herbert Kapfer
Wissenschaftliche Beratung: Walter Fanta
Regie: Klaus Buhlert
BR 2004
20 Teile
Gesamtlänge: 17,5 Std.

Weltberühmt und ohne Leser: Auf diese ebenso paradoxe wie griffige Formel ließe sich vielleicht die Wirkungsgeschichte von Musils Roman Der Mann ohne Eigenschaften kurz und bündig bringen. Aber damit ist die Methode der Vereinfachung auch schon mit ihrem Latein am Ende. Zum Beispiel, was heißt schon ‚Roman’ in diesem Fall? Von einem Romanprojekt kann die Rede sein, besser noch von einem Schreibexperiment, das seinen Autor zwanzig Jahre vollkommen beanspruchte und bis zum Ende seines Lebens – 1942 – nicht losließ. Der Mann ohne Eigenschaften blieb unvollendet, Torso, Fragment. Die zu Lebzeiten veröffentlichten Teile hatten ein Volumen von mehr als 1600 Druckseiten; die Entwürfe im Nachlass des Autors umfassten circa 6000 Manuskriptseiten. Der Mann ohne Eigenschaften als vielschichtige, nicht abgeschlossene Textkonstruktion, über die ihr Urheber die Nachwelt wissen lässt: „Am liebsten wäre mir, ich würde am Ende einer Seite mitten in einem Satz mit einem Komma aufhören.“ Geldmangel, Krankheit, politische Umstände und das Scheitern an seinen eigenen Ansprüchen – es gibt viele Gründe, warum der Roman unvollendet blieb. Dennoch hinterließ Musil ein Werk, das an literarischer Brillanz, an sprachlicher Präzision, Ideenfülle und Identifikationspotenzial kaum zu überbieten ist. Sein essayistischer, in Exkurse zu Themen wie Logik, Gefühl, Philosophie, Utopie, Sexualität, Kausalität und Kontingenz ausufernder Erzählstil polarisiert noch heute die Kritiker. Die sich weit verzweigende Handlung, die immer wieder von essayistischen Exkursen unterbrochen wird, ist in der österreichisch-ungarischen k.u.k. Monarchie kurz vor dem ersten Weltkrieg angesiedelt: Ulrich, der Mann ohne Eigenschaften, nimmt nach drei erfolglosen Versuchen, ein bedeutender Mann zu werden, ein Jahr Urlaub vom Leben. Er gerät über Zufälle in den Salon von Diotima, Gattin des Sektionschefs Tuzzi, in dem eine vaterländische Aktion, die sogenannte Parallelaktion geplant wird. Neben der Parallelaktion beschäftigt der Fall des Prostituiertenmörders Moosbrugger die Gemüter. Ulrich wird von Clarisse, die mit seinem Jugendfreund Walter in einer zerrütteten Ehe lebt, bedrängt, sich für die Begnadigung Moosbruggers einzusetzen, der in einem Irrenhaus auf seine Verurteilung wartet. Für das Anliegen von Clarisse, die selbst immer mehr dem Wahn verfällt, interessiert sich statt seiner General Stumm von Bordwehr, der bemüht ist, Ordnung in den Zivilverstand zu bringen. Nicht nur Clarisse versucht Ulrich, der sich aus allem heraushalten will, für ihre Sache einzunehmen, sondern auch Diotima, Graf Leinsdorf, Paul Arnheim aus der Parallelaktion, Bonadea, die gelegentliche Geliebte Ulrichs sowie Bankdirektor Leo Fischel und seine Tochter Gerda. Die Handlung um Salon-Intrigen, Liebschaften und Politik wendet sich, als Ulrich am Grab seines Vaters seine Schwester Agathe wiedersieht, sich in sie verliebt, vor dem Inzest aber zurückschreckt. Der zweite Band endet abrupt mit einem Fest in Diotimas Salon, bei dem Musil alle seine Figuren auf einmal auftreten lässt. Man spricht von der drohenden Gefahr eines Krieges. Ulrich verkündet nebenbei seinen Ausstieg aus der Parallelaktion. Die Machtübernahme der Nazis 1933 und die Angliederung Österreichs an das Deutsche Reich 1938 verhinderten die Veröffentlichung einer Zwischenfortsetzung des Romans. Notizen und Entwürfe aus dem Nachlass zeigen, dass Musil vorhatte, dem Roman im Finale eine ganz neue Wendung zu geben. Der Mann ohne Eigenschaften. Remix präsentiert erstmals eine künstlerische Darstellung des Schreibexperiments Musils in seiner Gesamtheit. Die Produktion des Bayerischen Rundfunks, die im Zeitraum von 2002 bis 2004 entstand, stützte sich dabei neben der 1992 veröffentlichten CD-ROM-Edition Robert Musil: Der literarische Nachlass, herausgegeben von Friedbert Aspetsberger, Karl Eibl und Adolf Frisé, auf die erweiterte, noch nicht veröffentlichte kommentierte digitale Ausgabe von Walter Fanta, Klaus Amann und Karl Corino mit sämtlichen Werken, Briefen und nachgelassenen Schriften Musils, sowie die laufende Forschung des Robert-Musil-Instituts für Literaturforschung der Universität Klagenfurt. Der Zugriff auf das gesamte Mann ohne Eigenschaften-Konvolut, das sich aus Veröffentlichungen, aus Druckfahnen und Entwürfen in unterschiedlichen Textstufen zusammensetzte, aber auch Musils essayistische und vielstimmige Erzählweise und die Unabgeschlossenheit des Romans führten zu der Überlegung Hör- und Gedankenspiele zu produzieren und eine auditive Erzählform mit inszenierten Textpassagen und nacherzählenden bzw. reflexiven Originaltonsequenzen zu entwickeln. Wissenschaftliche Ergebnisse wurden mit künstlerischen Optionen konfrontiert: Ein Kunst-und-Wissenschaft-Experiment mit gleichwertigen Disziplinen, bei der die Freiheit der Regie gewahrt, die wissenschaftliche Beratung berücksichtigt werden musste. Inhaltlich präsentiert der Remix kanonische, also zu Lebzeiten von Musil veröffentlichte Romanteile und berücksichtigt alle wichtigen Pläne und Entwürfe aus dem Nachlass, die Musil für den Abschluss des Romans in Erwägung zog. Zu diesem Material in Bezug gesetzt wurden Interviews, Texte und Stellungnahmen von namhaften Kritikern, Literaturwissenschaftlern und Schriftstellern wie Elfriede Jelinek, Roger Willemsen und Alexander Kluge, die den Mann ohne Eigenschaften in die Gegenwart fortschreiben. Musils Essayismus findet eine aktuelle Entsprechung im Remix: „Das Vorher und Nachher ist nicht zwingend. Der Inhalt breitet sich auf eine zeitlose Weise aus“ (Musil).

Ein Remix im Bereich der Pop-Musik ist die Neuabmischung eines Songs oder Tracks, die die Tanzbarkeit erhöhen soll. Beim Mann ohne Eigenschaften bezieht sich der Terminus Remix dagegen nur in zweiter Linie auf die Soundästhetik und die Arbeit im Studio. In erster Linie gemeint ist ein Spiel mit Möglichkeiten, das aus einem Konvolut von Materialien schöpft, aus Musils veröffentlichten und unveröffentlichten Texten, aber auch aus Gesprächen, die für diese Produktion geführt und aufgenommen wurden. Der Remix-Begriff umfasst weiter die Einbeziehung von Elfriede Jelineks im Studio aufgenommener Paraphrase und die Integration von verschiedenen Aufnahmen mit Künstlern und Forschern, etwa mit dem Musil-Biographen Karl Corino, mit Alexander Kluge, Volker Schlöndorff und anderen. Der Remix spielt mit Optionen bzw. Varianten von Handlungsabläufen und führt damit zu Musils Schreibexperiment zurück, das in Permanenz einen Gegenstand umkreist und in den verschiedensten Formen der Darstellungen erprobt. Gleichzeitig beinhaltet der Remix keineswegs eine explizite Beschränkung auf den Musilschen Text, vielmehr wird vom Roman weg erzählt und reflektiert. Mit Manfred Zapatka, Ulrich Matthes, Susanne Wolff, Wolf Bachofner, Ulli Maier, Angela Winkler, Josef Bierbichler, Ignaz Kirchner, Wolfgang Hübsch, Sunnyi Melles u.a.

So komplex die Werkkonzeption, so kompliziert auch die Veröffentlichungsgeschichte des Romans: Zu Lebzeiten Musils erschienen im Rowohlt Verlag das Erste Buch (1930) und das Zweite Buch (1933) des auf insgesamt drei Bücher bzw. vier Teile angelegten Werks. Es folgten Publikationen nach Musils Tod mit Teilveröffentlichungen aus dem Nachlass, betreut von Musils Witwe Martha und schließlich von Adolf Frisé, dessen in Großauflagen vertriebene Leseausgaben – also: keine wissenschaftliche Ausgaben – seit den frühen 50er Jahren die Vorstellung bzw. das Bild des Romans Der Mann ohne Eigenschaften prägen. Die 1992 veröffentlichte CD-ROM-Edition Robert Musil: Der literarische Nachlass ermöglichte einen völlig neuen Werkzugang: Der voluminöse Nachlass Musils ist mit Suchbegriffen erfasst, jede beliebige Textstelle abrufbar und kommentiert. Der Hyperlink entspricht methodisch dem Verweissystem des Autors zu seinen Manuskripten, Entwürfen, Ideenblättern, Notizen usw. Mit der Musil-CD-ROM hat die österreichische Literaturwissenschaft auf mustergültige Art und Weise den Nachlass eines Schriftstellers textkritisch digitalisiert. Der Mann ohne Eigenschaften. Remix ist als bimediale Edition (20 CDs und Textbuch) beim Hörverlag und belleville Verlag erschienen.

Rezension:
„Die Zweifler am Sinn von öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten im allgemeinen und an deren Kulturauftrag im besonderen, sollten einen genauen Blick auf den Remix des Mann ohne Eigenschaften werfen: In zweieinhalb Jahren verwandelten über vierzig Mitwirkende Musils Prosawerk in eine zwanzigstündige Hörbuchfassung. Es ist der Bayerische Rundfunk, genauer die Abteilung Hörspiel und Medienkunst, dem die Anerkennung für diese Edition gebührt. Der Hörverlag publiziert das Ergebnis in einer gewichtigen Kassette (…). Die beeindruckenden Rahmendaten wären nun völlig belanglos, hätten sie nicht zu einem überzeugenden künstlerischen Ergebnis geführt. Ästhetisch gelungene Hörbuchfassungen sind allerdings keine Seltenheit. Lohnte sich dieser gewaltige Aufwand, wenn am Ende ’nur’ eine zufriedenstellende Romanvertonung stünde? Der MoE Remix enthält jedoch eine höchst ungewöhnliche Komponente: er ist editionsphilologisch hochgradig interessant. (…) Schließlich wird jede Textpassage mit einer gesprochenen Stellenangabe versehen. Zwei Beispiele: „Zu den Lindner-Kapiteln. Schmierblatt Aufbau (1933/1934)“ oder „Beim Rechtsanwalt. Kapitelgruppenentwurf (1928) und Kapitelentwurf (1933/1934)“. Ohne an dieser Stelle weiter ins Detail gehen zu können, lässt sich konstatieren, dass mit dem MoE Remix die derzeit beste Bearbeitung des Nachlasses für ein größeres Lesepublikum vorliegt.“ (Christian Köllerer in Literatur und Kritik, 09/2005)

Rezension:
„Viele Sätze sind so herrlich, so voll von süffisantem Witz, analytischer Treffsicherheit und funkelnder Formulierungskunst, dass man sie am liebsten wie Geschmeide in schön ausgeleuchtete Vitrinen auf Samt drapieren würde. Können und intellektuelle Durchdringung fusionieren gerade im ersten Teil von Robert Musils unvollendetem 1600-Seiten-Roman Der Mann ohne Eigenschaften grandios – wenn es um „Kakanien“, also um Österreich-Ungarns Einmaligkeit geht. Das kühne Unternehmen der Hörspiel- und Medienkunstabteilung des Bayerischen Rundfunks (…) verschafft einem dieses Vergnügen auf neue, besondere Weise. (…) Manfred Zapatka und Ulrich Matthes, in den Rollen Musils und Ulrichs, brillieren durch perfekt gesetzte Sprech-Bescheidenheit. Zapatka nuanciert auf derart vielfältige Weise, dass man nur staunen kann. Keine Effekte, sondern Akzente. Der Wahn des Frauenmörders Moosbrugger erdet Josef Bierbichler in weichem, bäuerlichem Timbre. Klangvergnügen ist Sunnyi Melles. Sie ‚entlarvt’ stimmlich Bonadea, Ulrichs zeitweilige Geliebte, die hochanständig ist, aber, ach, durch ihre Sinnlichkeit hurtig ins Bett plumpst. Eher zurückhaltend, mit feinem Duktus Angela Winkler als großbürgerliche Diotima und Ulli Maier als Agathe.“ (Simone Dattenberger im Münchner Merkur, 22.03.2005)

Rezension:
„Die Hörspielversion des Romans ist nicht dialogisch angelegt, sondern dem Prinzip der subjektiven Kamera unterworfen: Der Erzähltext wird aus der jeweiligen Figurenperspektive vorgetragen. Ulrich spricht also ihn betreffende Passagen, Diotima Passagen, die sie betreffen. Nicht wörtliche Rede ist hier ausschlaggebend dafür, wer spricht; es kann auch passieren, dass Diotima in der Hörversion etwas sagt, das im Ausgangstext wörtliche Rede Ulrichs ist. So gewinnt der Text an Dynamik, ohne dass in seine Struktur eingegriffen würde. Selbstverständlich hat man es mit einer Light-Version zu tun. Zwanzig Stunden würden für den gesamten Roman bei weitem nicht ausreichen. Aber die leichte Version bietet selbst eingefleischten Musil-Fans eine wunderbare Erfahrung: Die Skizzen und Notizen Musils, die in ihrer schriftlichen Fassung ermüdend und mitunter geradezu unlesbar sind, lassen sich weitaus schlüssiger nachvollziehen, denn wie sich zeigt, tritt das Nachdenkliche und Unentschlossene, das ihnen eignet, erst im Sprechen richtig zutage. Das ist vor allem Manfred Zapatkas Verdienst, der den Musil spricht. Zapatka lässt deutlich die Arbeit am Gedanken spüren, das Tastende, manchmal geradezu Bohrende. Anhand früher Entwürfe wird vorgeführt, wie Themen und Motive sich langsam finden und formieren, wie die Idee des Romans allmählich Gestalt annimmt.“ (Tobias Lehmkuhl in der SZ, 31.12.2004)

Rezension:
„Nicht immer ist in der Fülle der Informationen, Überlegungen und Definitionen die Gefahr des Dozierens gebannt. Doch die Lesehilfen schlagen auch, wenn es gar zu komplex wird, Schneisen ins Dickicht der Musilschen Konstrukte und Begriffe. Ob Karl Corino souveräne Zusammenfassungen gibt, Roger Willemsen dem Attribut des "Eigenschaftslosen" Anmerkungen widmet und vom Romanhelden Ulrich als der "leeren Mitte des Romans" spricht oder Alexander Kluge das Szenario einer Verfilmung entwirft: Nur selten ragen diese Stimmen als Fremdkörper aus dem literarischen Werk heraus (…). Ein Stück Lebenszeit, mit Musil am Radio verbracht. (…) Überhaupt - und das ist wohl das Schönste, was man über diese Produktion sagen kann - sind die Genussmomente bei allem Respekt vor Konzeption und Werk nicht getilgt: Mal erhebt sich eine der Figuren aus ihren Umkreisungen und gewinnt Leben, mal verdichtet sich die Szenerie so, dass die Zeit stillzustehen scheint, dann wieder ist es (…) ein Gedanke, der uns mit plötzlicher Gewalt und Geistesschärfe ergreift. (…) In ihrer Materialbesessenheit, ihrer Konzentration auf Bewusstseinszustände (…) vermittelt uns diese Fassung letztlich eines: Es geht nicht um Geschichten oder Figuren, nicht um ein Werk allein. Es geht um Lebensentwürfe, um Selbstbehauptung gegenüber Politik und Ökonomie und um Rolle und Gegenstand der Phantasie. Es geht um die Souveränität literarischer Existenz. Und darum, dass ihr mit einmal gegebenen Antworten nicht beizukommen ist.“ (Christian Deutschmann in der FAZ, 27.12.2004)

„Hält das Leben solange den Atem an, bis die Tat begangen ist, oder wird die Tat begannen, damit das Leben endlich stehenbleibt, mit Gewalt, da es das ja freiwillig nicht tun will?“ Die österreichische Dramatikerin Elfriede Jelinek schrieb einen Monolog für die Romanfigur des Mörders Moosbrugger, den sie im Studio selbst einlas. „Die Verbrechen sollen (…) ruhig bleiben, zumindest während sie begangen werden, (…) sie sind zart und anfällig, und dasselbe wird auch vom Fleisch berichtet (…). Deshalb sucht das Verbrechen so gern das Fleisch, die beiden gehören irgendwie zusammen.“ Elfriede Jelinek legt ihre Wörter diesem Moosbrugger auf die Zunge, der sich irgendwie in Musils Mann ohne Eigenschaften verirrt hat, aber dieser Moosbrugger spricht mit der ganzen Autorität eines Psychopathen über das Wesen der Tötung an sich. „Ich sage ihr, ich steche jetzt, jetzt steche ich, und um meinen Worten mehr Nachdruck zu verleihen, steche ich sogar rückwärts, ohne zu sehen wohin.“ Eine Apologie des Grauens, die mit keiner Silbe ein Mitleiden, Reue oder auch nur Zweifel verrät. „Er weiß jetzt schon, er wird wieder morden, und das gefällt ihm gut. Der Gedanke ist schön, mit diesem Mord muss es ja noch nicht zu Ende sein!“ Elfriede Jelinek vermerkt am Textende: „Der Lustmörder Christian Voigt, Musils angebliches Vorbild für Moosbrugger, laut Karl Corino, ist dokumentiert in: Jahrhundert-Morde, hsg. Peter Hiess/Christian Lunzer, Wien 1994.“

Auszeichnungen/ Jurybegründungen:
„Der Remix von Robert Musils Großroman Der Mann ohne Eigenschaften ist eine Zumutung für jeden Hörer – eine äußerst erfreuliche Zumutung. (…) Dieser Remix besticht durch Musils äußerst präzise Sprache, akustische Einfachheit, eine strenge Ästhetik und vor allem durch seine Polyperspektivität, seine Vielzahl von Zugängen. (…) Hier gibt es kein Ohrenkino, keine Geräusche, kaum Musik – hier dominieren Text und Stimme (…). Dem einmaligen Hören erschließt sich die Vielfalt dieser literarisch-akustischen Welt kaum (…). Dieses Hörspiel muss erarbeitet werden – aber dann ermöglicht es nichts weniger als einen neuen, assoziativen Zugang zur Literatur. Der Remix ist weit mehr als die Umbettung des populärsten ungelesenen Romans ins Akustische – er ermöglicht eigenständige und neue ästhetische Erfahrungen.“ (Hörspiel des Monats Dezember 2004) „Man kann Agathos/ Kapfers/ Buhlerts Produkt als das erste Beispiel dafür sehen, wie dem intellektuellen Niveau und der Struktur eines komplexen Textes entsprochen, ja geantwortet werden kann – und die Jury würde sagen: geantwortet werden muss. Die nicht nachlassende Intensität, der Ernst und die Spielfreude, mit der die Beteiligten an diesem Hörwerk, Sprecher wie Diskursführende den Musilschen Intentionen entsprechen, ihre Lust, auf eine Herausforderung heiter, verantwortlich und medienbewusst einzugehen, setzen Maßstäbe sowohl für künftige Hörspiele wie auch für Hörbücher obersten Ranges.“ (Deutscher Hörbuchpreis 2005)

Robert Musil (1880-1942), österreichischer Schriftsteller. Ausbildung beim Militär, Ingenieursstudium, Studium der Philosophie, Psychologie, Mathematik und Physik. Bibliothekar an der TH Wien, Redakteur der Neuen Rundschau in Berlin. 1914-1918 österreich-ungarischer Reserveoffizier an der italienisch-serbischen Front, 1931-1933 in Berlin. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten kehrt Musil nach Wien zurück. 1938 Emigration über Zürich nach Genf. Er arbeitet ohne Aussicht auf Publikation, immer mehr vereinsamend und trotz gesundheitlicher Probleme bis zu seinem Tod am Mann ohne Eigenschaften. Er muss alle zwei bis drei Monate um die Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung in der Schweiz ansuchen und wartet vergeblich auf die Erlaubnis zur Einreise in die USA. Finanziell unterstützt wird er in diesen Jahren von Schweizer Hilfsorganisationen, einem Züricher Pfarrer und einem amerikanischen Ehepaar. Sämtliche Werke Musils werden in die Jahresliste 1941 des schändlichen und unerwünschten Schrifttums aufgenommen. Mitte Januar 1942 äußert Musil den Wunsch, den Mann ohne Eigenschaften „irgendwie abzuschließen“. Musil stirbt am 15. April 1942 in Genf an Gehirnschlag. Martha Musil verstreut später seine Asche in einem Wald nahe Genf. Weitere Werke: Roman Die Verwirrungen des Zöglings Törless (1906), Schauspiel Die Schwärmer (1921), Posse Vinzenz und die Freundin bedeutender Männer (1923), Novellenzyklus Drei Frauen (1924), Essay- und Erzählband Nachlass zu Lebzeiten (1935).