Postmodernes Denken und Wirtschaftskrise

Das fast perfekte Verbrechen

von Michael Reitz

Produktion: BR 2010

Beinahe scheint es so, als seien die Verursacher der gegenwärtigen Finanzkrise bei den französischen Denkern der Postmoderne in die Lehre gegangen. Oder haben Philosophen wie Jean Baudrillard, Paul Virilio und Gilles Deleuze wesentliche Elemente der ökonomischen Misere bereits in den 1970er- und 1990er-Jahren vorgedacht? Von Simulation der Realität ist da die Rede, von Größen, die nur noch symbolische Bedeutung haben und von einer Geschwindigkeit der täglichen Abläufe, die als rasender Stillstand wahrgenommen wird.

Mit geringem Aufwand lässt sich im ökonomischen Bereich Ähnliches finden: An den Börsen geht es nicht mehr um tatsächliche Werte, sondern um virtuelles Geld, das nie jemand sieht. Kleine und mittlere Kreditnehmer werden kaum noch nach ihrer Bonität beurteilt, sondern nach ihren Bedürfnissen. Riesige Kapitalströme gehen mit einer Geschwindigkeit um den Globus, die einen Störfall unbeherrschbar machen.

Das perfekte Verbrechen - so Jean Baudrillard in seinem gleichnamigen Essay - wäre eine Tat, die weder Täter, Motiv, noch Ermittler kennt. Nach seiner Auffassung ist das die moderne Welt: ein permanentes Delikt ohne Leidenschaft und Bezug zur Realität.