Solaris

von Stanislaw Lem
Aus dem Polnischen von Irmtraud Zimmermann-Göllheim

Regie: Peter Rothin
Komposition: Mario Schneider
Produktion: MDR 2006

1 - Der Planet - 60 min

Solaris ist ein Planet, der fast vollständig von einem aus gallertartiger Masse bestehenden Ozean bedeckt ist. Dieser Ozean bildet die bizarrsten Formen und Gestalten und ist in der Lage, Formen nachzubilden. Der Planet selbst kreist in einer unbeständigen Umlaufbahn um zwei Sonnen, eine rote und eine blaue. Aufgrund der Bewegung des Ozeans, die wiederum die Flugbahn des Planeten beeinflusst, wird davon ausgegangen, dass es sich um eine Art intelligenter Lebensform handelt. Doch die Kontaktaufnahme mit dieser Lebensform schlägt über Jahrzehnte fehl. Denn hier steht der Mensch etwas völlig Fremdartigem gegenüber, was in keiner Weise dem Leben auf der Erde gleicht. Der Psychologe Kris Kelvin, der Ich-Erzähler der Geschichte, findet bei seinem Eintreffen auf der Raumstation, die über der Oberfläche von Solaris kreist, diese in einem verwahrlosten Zustand vor. Keiner der Besatzungsmitglieder ist zu seiner Begrüßung anwesend.

Nach einigem Suchen stößt er zumindest auf Snaut, den Kybernetiker der Station, und muss erfahren, dass der Stationsleiter Dr. Gibarian vor kurzem verstorben ist. Snaut selbst reagiert auf das Erscheinen Kelvins zutiefst verängstigt und misstrauisch; schließlich vermittelt er jedoch zwischen dem Neuankömmling von der Erde und dem anderen verbliebenen Raumstationsbewohner, dem sonderbaren Dr. Satorius, der sich die meiste Zeit im Laboratorium verbarrikadiert. Im weiteren Verlauf verrät Snaut stets nur so viel, wie Kelvin bis zum jeweiligen Zeitpunkt meist schon selbst herausgefunden hat. Was ist mit Dr. Gibarian, dem Leiter der Station, geschehen? Kelvins Nachforschungen ergeben, dass der Wissenschafter Selbstmord begangen hat. Doch weshalb? Und warum machen Snaut und Satorius aus der Angelegenheit ein großes Geheimnis? Gibarian hat Kelvin schriftliche Botschaften hinterlassen, aufgrund derer er in der Bibliothek der Station Nachforschungen anstellt. Kelvin meint bald, angesichts der unerklärlichen Vorgänge, den Verstand verloren zu haben und unterzieht sich einigen Tests, doch das Unfassbare bleibt Realität und die Realität bleibt unbegreiflich.

2 - Der Ozean - 60 min

Nach kurzer Zeit auf der Raumstation des Planeten Solaris wurde Kris Kelvin klar, warum die anderen Besatzungsmitglieder sich so seltsam verhalten. In den Gängen der Station lief ihm zuerst eine unheimliche Erscheinung über den Weg, die in Gibarians Kabine verschwand; er fühlt sich beobachtet, und als er schließlich beim Erwachen Harey, seine ehemalige Geliebte, die im Alter von 19 Jahren seinetwegen Selbstmord begangen hatte, erblickte, verstand er das seltsame Verhalten seiner Kollegen zunehmend besser: Jeder von ihnen hat einen höchst persönlichen "Gast", den offenbar der planetarische Organismus auf Grundlage der Gedächtnismuster der Menschen an Bord der Station erschaffen hat. Doch sind dies keine unproblematischen Figuren, sondern solche, die in erster Linie Schuldgefühle und Ängste auslösen.

So sehen sich die drei Männer mit den Schatten ihrer Vergangenheit konfrontiert. Harey stellt selbst zwar keine Gefahr für Kelvin dar, zumindest solange nicht, wie er ihre ständige Anwesenheit duldet. Die von den drei Forschern so bezeichneten "F-Gebilde" erweisen sich im Verlauf komplizierter Experimente als Neutrino-Gefüge, die der lebende Ozean allem Anschein nach infolge eines Röntgenexperiments aus Gedächtnismustern der Stationsbewohner konstruiert hat. Diese Gebilde brauchen keinen Schlaf, sie sind mit "herkömmlichen" Mitteln nicht loszuwerden. Selbst als Kelvin versucht, Harey in einer Rakete aus der Station zu schießen, taucht nur wenige Stunden später eine erneute Reproduktion von ihr auf, als wäre nichts geschehen. Sie selbst kann sich an nichts erinnern. Kris Kelvin findet sich mit seinem Gast ab - mehr noch, er setzt sich für Harey ein, rettet sie, als sie einen (undurchführbaren) Selbstmord mit flüssigem Sauerstoff versucht, weil sie mittlerweile ahnt, wer sie ist.

Kelvin gibt sich mehr und mehr der trügerischen Illusion hin, mit dieser Harey eine zweite Chance zu haben - wohl wissend, dass das F-Gebilde im Einflussbereich der Solaris bleiben muss. Nach einem weiteren Versuch, bei dem der Ozean über einen längeren Zeitraum hinweg mit Kelvins aufgezeichneten Gehirnströmen aus einem Röntgengeschütz bestrahlt wird, bleiben die "Gäste" von Snaut und Satorius zwar aus, rufen aber auch neue Reaktionen des gigantischen Organismus hervor. Der Schlusssatz des Romans lautet: "Ich wusste nichts, und so verharrte ich im unerschütterlichen Glauben, die Zeit der grausamen Wunder sei noch nicht um."

Sprecher:
Oliver Stokowski - Kelvin
Maria Simon - Harey
Bernhard Schütz - Snaut
Hans-Peter Hallwachs - Satorius
Markus Scheumann - Moddard
Hilmar Eichhorn - Gibarian
Thomas Rühmann - Berton
Lena Stolze - Frau Dr. Gearth
Hansjürgen Hürrig - Messenger
Claus Hahn - Junge

Stanislaw Lem wurde am 12. September 1921 in Lwów (Lemberg) als Sohn einer polnisch-jüdischen Arztfamilie geboren. Der Familientradition entsprechend sollte er eigentlich Arzt werden. Er absolvierte sein Medizinstudium, ohne allerdings den Arztberuf je auszuüben. Stattdessen widmete er sich seiner schriftstellerischen Tätigkeit und betrieb ein intensives Selbststudium, dem er ein nahezu enzyklopädisches Wissen auf den verschiedensten Gebieten verdankte. Neben zahlreichen belletristischen Werken verfasste er theoretische Schriften über Science Fiction und über Gebiete der angewandten Philosophie und der Kybernetik.

1982, nachdem in Polen das Kriegsrecht verhängt worden war, verließ Stanislaw Lem sein Heimatland vorübergehend und arbeitete in West-Berlin am Wissenschaftskolleg. Ein Jahr später ging er nach Wien und kehrte erst 1988 nach Polen zurück. Sein Roman SOLARIS (1961) wurde bereits zweimal verfilmt: 1971 von A. Tarkowski und 2002 von S. Soderbergh. Lems Bücher wurden bisher in 57 Sprachen übersetzt und erreichten eine Auflage von mehr als 45 Millionen. Er starb am 27. März 2006 in Krakow im Alter von 84 Jahren an Herzversagen.