Tantes Inferno

von Jens Sparschuh

Regie: Walter Adler
Produktion: MDR 2008
Länge: 60'

Die hochbetagte und gutsituierte Tante Lucie aus Berlin‐Wilmersdorf hat eine neue Herrenbekanntschaft gemacht und sich kurzerhand mit ihrem Verehrer zum Wandern in Köpenick verabredet. Bei Horst, ihrem Neffen, klingeln da gleich die Alarmglocken: ein Erbschleicher, einer, der es auf Wilmersdorfer Witwen abgesehen hat!

Doch als Lucie Tags darauf zum Rendezvous erscheint, ist es nicht Leo allein, der auf die 88‐Jährige wartet. Eine ganze Wandertruppe steht dort bereit ‐ allesamt rüstige alte Herrschaften, von 80 an aufwärts. Lucie hatte sich einen romantischen Ausflug zwar anders vorgestellt ‐ doch Leo besteht darauf und lässt nichts auf seine Gruppe kommen. Das sei nun mal so. „Wanderer zwischen den Welten“ seien sie, lässt Leo andeutungsreich durchblicken. Und sind das nicht Verse aus Dantes „Göttlicher Komödie“, die Lucie dort durch den Blätterwald plötzlich rauschen hört? Wo ist sie hier nur hineingeraten!?

Otto, mit seinen 99 Jahren der Anführer dieses Trupps, hat indessen ganz andere Sorgen: Passt Lucie wirklich zu ihnen? Nunja, zur Aufbesserung der Wander‐ kasse bestimmt, aber darüber hinaus, für die große Idee? Als Vorkämpfer in eigener Sache steuert Otto nämlich mit seinen Gefolgsleuten auf ein großes Ziel zu: „Je länger wir leben und nicht weichen, desto mehr bringen wir diese Ge‐ sellschaft aus der Balance.“ Und kurzerhand wird aus einem vermeintlichen Wald‐Rendezvous eine Art Methusalem‐Manöver.

Mit: Rosemarie Fendel (Lucie), Hans‐Michael Rehberg (Otto), Ernst Jacobi (Leo), Wolfgang Sörgel (Max), Horst Bollmann (Karlchen), Marlies Reusche (Margot), Maria Alexander (Gertie), Elke Domhardt (Hannelore), Roland Hemmo (Horst), Conny Wolter (Kindergärtnerin), Luis Pabst (Kind 1), Emma Telemann (Kind 2), Jolande Blech (Kind 3), Elisabeth Treichel (Kind 4), Paula Dinnebier (Kind 5), Victor Dygalla (Kind 6)

Jens Sparschuh leistet mit seinen gerade mal 53 Jahren und traumwandlerischer Leichtigkeit einen poetisch‐ironischen Kommentar zum demogra fischen Wandel unserer Gesellschaft.

Jens Sparschuh, geboren 1955 in Karl‐Marx‐Stadt (Chemnitz), studierte 1973‐78 Philosophie/Logik in Leningrad, 1978‐83 Assistent an der Humboldt‐Universität Berlin, 1983 Promotion. Seither freiberuflich tätig. 1992 Gastvorlesungen in den Vereinigten Staaten. Veröffentliche Prosawerke u.a.: „Der große Coup“, (1987). „Kopfsprung. Aus den Memoiren des letzten deutschen Gedankenlesers“, (1989). „Der Schneemensch“, (1993). „Der Zimmerspringbrunnen. Ein Heimatroman“. „Eins zu Eins“, (2003), "Ende der Sommerzeit" (2014). Hörspiele u.a.:„Adieu, mein König Salomon“ (Rundfunk d. DDR 1980). „Ein Nebulo bist du“ (SR 1989, Hörspiel‐Preis der Kriegsblinden), „Kyffhäuser“ (SFB 1992), „Der große Coup“(MDR 1998), „Herzblut“ (MDR 2004), "Zwischen den Zeilen" (MDR 2005) "Unter uns" (MDR 2012). Zuletzt "'Fürst von Bismarck für Feierlichkeiten zu vermieten'" Eine Gutsinspektion in Schönhausen. Feature (MDR 2015).