Die Umarmung

von Martin Gülich

Produktion: SWR 2014
Länge: 56'

"Ich habe mich ausgezogen und neben Natalie auf den Tisch gelegt. Wie Mann und Frau liegen wir. Wir haben die Nacht miteinander verbracht, und jetzt warten wir auf den Morgen. Ich fasse sie bei der Hand. Wir liegen auf dem Rücken und schauen gemeinsam in den Himmel. Ein paar Sterne hat die Dämmerung übriggelassen. Nicht viele, nur die ganz hellen leuchten noch. Minuten, dann ist es auch damit vorbei."

Dolf ist kein Idiot - auch wenn ihn manche dafür halten. Er arbeitet in der Gerichtsmedizin als Gehilfe von Doktor Sander, wohnt bei der Mitsch zur Untermiete und ist mit dem Gleisarbeiter Walter befreundet. Glück bei den Frauen hat er nicht, dafür aber eine große Passion: Dolf jagt und sammelt Schmetterlinge. Zart und behutsam richtet er die zerbrechlichen Flügel und spannt die Falter mit einer Nadel auf. Nur das Töten ist ihm zuwider. Dolf weiß: Mit den Toten muss man noch vorsichtiger umgehen als mit den Lebenden. Bis ihm eines Tages Natalie begegnet: "eine Frau, so schön, dass es sie gar nicht gibt". Besessen von der Vorstellung, Natalie zu lieben, begibt sich Dolf auf eine Jagd, die in der Katastrophe endet.

Martin Gülich, geboren 1963 in Karlsruhe, lebt als freier Schriftsteller in Stuttgart. Seit seinem Roman-Debüt "Vorsaison" (1999) sind neben einem Band mit Kurzprosa sechs weitere Romane von ihm erschienen.

Martin Gülich folgt seinem naiven Protagonisten mit bewundernswerter Unerbittlichkeit bis zum grausam-zärtlichen Ende. Was nicht heißt, daß er ihn verriete: Wenn jemand ein Erbarmen hat mit einem, der kein Idiot sein will und aus Liebessehnsucht zum Lebenszerstörer wird, dann ist es dieser Autor. Bettina Schulte, Badische Zeitung

Gülich ist ein Meister der Andeutungen, ein Kenner der Umwege menschlichen Denkens und ein Lakoniker im besten Sinn. Wiener Zeitung

Seine Bücher wurden in neun Sprachen übersetzt und vielfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Thaddäus-TrollPreis, dem Reinhold-Schneider-Förder-preis der Stadt Freiburg und dem Heinrich-Heine-Stipendium der Stadt Lüneburg. 2013 inszenierte der SWR sein Hörspiel "Septemberleuchten".