Wir

von Jewgenij Samjatin
Aus dem Russischen von Gisela Drohla
Nach dem gleichnamigen Roman von Jewgenij Samjatin

Regie: Christoph Kalkowski
Komposition: Raphael Thöne
Bearbeitung: Ben Neumann
Produktion: SWR 2014
Länge: 90'

Samjatins 1920 entstandener, dystopischer Roman "Wir" beschreibt die Gesellschaft des Einheitlichen Staates, der auf Mathematik aufgebaut ist und an dessen Spitze der "Wohltäter" steht. Privatheit und Gefühle sind auf ein Minimum reduziert, allen Menschen werden Namen anstelle von individuellen Nummern zugeordnet; persönliche Freiheit, Liebe und Phantasie glaubt man überwunden zu haben. Die "Gesetzestafel" regelt jede Einzelheit des Kollektivdaseins bis auf die Sekunde genau. Um überwachen zu können, ob deren Gebote auch eingehalten werden, sind die Menschen in gläsernen Behausungen untergebracht, die wenigen verbleibenden Stunden sind reglementiert: es sind Spaziergänge zu absolvieren auf gläsernen Straßen, an denen Membranen die Gespräche aufzeichnen; "rosa Billets" legen Häufigkeit und Partner der Sexualkontakte fest.

Erzählt wird aus der Perspektive des Protagonisten D-503. Er will in seinem Tagebuch das vollkommene Glück des Einheitlichen Staates preisen. D-503 ist der Ingenieur des Integrals, eines großen Raumgleiters, durch den der Einheitliche Staat seine Macht über die irdische Welt hinaus manifestieren will. Vor dem ersten Testflug trifft D-503 auf die junge rebellische I-330 und verliebt sich in sie. I-330 zeigt ihm die wilde und naturbelassene Welt jenseits der gläsernen Städte. Hier sammelt sich der Widerstand gegen das bestehende System, und D-503 kann dieser Bewegung als Ingenieur des Integrals von Nutzen sein. Während er sich hin- und hergerissen sieht zwischen seiner Liebe zu I-330 und seinem Glauben an das "segensreiche Joch" des Einheitlichen Staates, haben dessen Wissenschaftler den Sitz der Phantasie im Gehirn lokalisiert: "Eine dreimalige Bestrahlung dieses Knotens - und ihr seid von der Phantasie geheilt. Für immer. Wer nicht erscheint, endet durch die Maschine des Wohltäters."

"Wir" gilt nicht nur als Vorläufer des 1932 erschienenen Romans "Brave New World" von Aldous Huxley, er hat auch "1984" von George Orwell, erschienen 1949, maßgeblich beeinflusst.

Mit: Radio-Sinfonieorchester Stuttgart des SWR, Dirigent: Jonathan Stockhammer, Chor: Collegium Musicum

Jewgenij Samjatin, (1884-1937), schloss sich während seines Studiums als Schiffbauingenieur in Sankt Petersburg den Bolschewiki an. Er organisierte den Aufstand auf dem Panzerkreuzer Potemkin mit und beteiligte sich, nach der Februarrevolution 1917 aus der englischen Emigration nach Russland zurückgekehrt, aktiv an der Oktoberrevolution. Mit "Wir" zog er sich den Unmut der Parteiführung zu und erhielt Schreibverbot. Der Roman wurde 1924/25 in verschiedenen Sprachen im Ausland veröffentlicht, doch erst 1988 erschien das Werk in der Sowjetunion in vollständiger russischer Fassung. 1929, nach schlimmster Hetze gegen ihn, verließ Samjatin, der zu Beginn der 20er-Jahre eine Ausreisemöglichkeit abgelehnt hatte, den sowjetischen Schriftstellerverband. 1931 erhielt er über Maxim Gorki die Erlaubnis Stalins, nach Frankreich auszureisen. Samjatin behielt bis zu seinem Lebensende die sowjetische Staatsbürgerschaft. Er starb in Paris.