Wucherungen

von Georges Perec
Aus dem Französischen von Eugen Helmlé

Regie: Wolfgang Schenck
Produktion: SR/WDR 1969
Länge: 45'

Das zweite Hörspiel von Georges Perec überträgt ähnlich wie Die Maschine neue wissenschaftliche Methoden auf die Literatur. Die Maschine hat die Arbeitsweise eines Computers an einem literarischen Text simuliert. Den Wucherungen liegt ein Organigramm zugrunde. Bei dieser Methode, die bei Lernprogrammen häufig angewandt wird, ist immer eine Alternativentscheidung zwischen Ja und Nein erforderlich. Alle Variationen dieses »Es- gibt-immer-zwei-Möglichkeiten-Spiels« werden am Fall einer Gehaltserhöhung demonstriert.

Dem Hörer stellt sich in diesem amüsanten Stück die Frage: Bekommt er sie, oder bekommt er sie nicht, die Gehaltserhöhung?

Den Witz dieses Stücks sieht ein Kritiker der Süddeutschen Zeitung darin, dass »hier die Kafka-Situation "Vor dem Gesetz" heruntergeholt wird auf das Alltagsniveau eines Großbetriebs, zum andern beruht er schlicht auf der bekannt komischen Wirkung von Rundlauf-Liedern, die nach allen möglichen Durchbruchsversuchen stets an der Ausgangsbarriere landen ("Ein Loch ist im Eimer""). Die Banalität des Wunsches (Gehaltserhöhung) wird mit den horrenden, aber noch ungleich banaleren Schwierigkeiten, diesen Wunsch überhaupt vortragen zu können, konfrontiert - und so entsteht Aberwitz. [...] Es ist eine grandiose Revue über den Schwachsinn, eine scheinbare Nichtigkeit durchzusetzen.«

Mit: Gustl Halenke, Lola Müthel, Friedrich von Bülow, Paul Albert Krumm, u.v.a.

Georges Perec (1936-1982) wurde in Paris als Sohn aus Polen stammender jüdischer Eltern geboren. Sein Vater war Fremdenlegionär und kam Anfang des 2. Weltkrieges um. Perec wuchs im von deutschen Truppen besetzten Frankreich auf. Seine Mutter wurde vermutlich in Auschwitz ermordet. Das Kind verstand nicht, warum es drei Jahre lang versteckt gehalten wurde, wusste nicht, dass es Jude war und hat erst lange nach Kriegsende erfahren, wie seine Eltern ums Leben kamen. Dass Georges Perec sein Leben einem Zufall verdankte, war der eigentliche Motor seines Schreibens.